Antje Rávik Strubel (Foto: Dietrich Kühne / Kroesing.de)

Autorin Antje Rávik Strubel: „Unter gegenwärtiger Sprache verstehe ich gendergerechte Sprache“

10. Juli 2022

Kaum ein schriftliches Zeichen steht so für Diversität wie das Gendersternchen. Schrifstellerin und Buchpreisträgerin Antje Rávik Strubel setzt es erstmals auch in einem Buch: In der Übersetzung des Essaybands „Was ich meine“ von Joan Didion (2022) wird geschlechtergerecht formuliert. Dabei hätte die berühmte US-Autorin selbst auf keinen Fall gegendert, sagt Rávik Strubel. Im Interview spricht sie über ihre Gründe das Sternchen zu verwenden, über Menschen, die früher sprachlich nicht existent waren und die Schwerfälligkeit in vielen Köpfen.

Frau Rávik Strubel, hätte Joan Didion gegendert?
Didion hätte auf keinen Fall gegendert. Sie fand auch den Feminismus in gewissen Aspekten lächerlich. Einmal sagte sie, dass er sich im Kleinen verzettelt, statt das große Ganze im Blick zu behalten. Sie war auf gewisse Weise feministisch, aber sie hat sich nur in sehr wenigen Essays direkt dazu geäußert.

Inwiefern war sie dann feministisch?
Von ihrer Haltung her, war sie klar feministisch. Für sie war es gar keine Frage, dass Frauen das Gleiche können wie Männer und das Gleiche bezahlt bekommen. Es war für sie selbstverständlich, sich in einer damals stark männlich geprägten Domäne wie dem Journalismus durchzusetzen. Didion hat von Anfang an eine eigene Stimme gehabt, sich von ihren ästhetischen und poetologischen Vorstellungen nicht abbringen lassen. Sie hat sich in ihren Essays mit Künstlerinnen auseinandergesetzt.

Die andere Frage, die sich stellt: Wenn Didion selbst nicht gegendert hätte, was rechtfertigt die Gendersterne in Ihrer Übersetzung?
Es handelt sich um Essays, die Didion zwischen den 60ern und den frühen 2000ern verfasst hat. Diese Texte sind zeitlich noch mit uns verbunden, sie gehen uns etwas an. Ich habe den Anspruch, sie in eine gegenwärtige Sprache zu übersetzen. Und unter einer gegenwärtigen Sprache verstehe ich auch eine gendergerechte Sprache. Es ist etwas anderes, wenn ich Virginia Woolf übersetze. Dort das Sternchen zu verwenden, wäre zu anachronistisch, obwohl Woolf die viel bedeutendere Feministin war. Didion ist uns näher. Ich hatte außerdem einen progressiven Verlag und eine junge Lektorin, die auf dieser Welle ist. Wir waren uns einig, dass wir das den Leser*innen zumuten können.

„Das Sternchen hat sich eingebürgert“

War die Übersetzungsarbeit durch das gendergerechte Formulieren schwieriger?
Es war überhaupt nicht schwierig. Mittlerweile ist der Gebrauch des Sternchens auch in die mündliche Sprache eingegangen. Oft ist es eher umständlich, den Stern nicht zu verwenden. Natürlich habe ich geschaut, wo er sich rhythmisch gut eignet und an welcher Stelle die Doppelform mehr passt. Das Sternchen hat sich eingebürgert. Und doch gibt es Leute, die das Zeichen wahnsinnig auf die Palme bringt.

Die Debatte darüber ist ein wichtiger Punkt. Bei Ihnen sorgt das Sternchen für einen “leichten Schwindel, eine Verrückung innerhalb eines Wortes. Der gewohnheitsmäßige Trott unserer Wahrnehmung kommt kurz ins Stolpern.” So haben Sie das einmal elegant beschrieben. Bei manchen Menschen sorgt Gendern aber nur für Aggressionen.
Für mich ist das eine unnötig aufgeheizte Debatte, bei der es letztendlich gar nicht um das Sternchen geht. Es geht um Machtverhältnisse, die sich verschieben. Wenn Menschen Macht verlieren oder das Gefühl haben, sie würden Macht verlieren, wird der Kampf über die Sprache ausgetragen. Zugleich sind wir Menschen Gewohnheitstiere. Warum soll man etwas, das man angeblich immer schon so gemacht hat, auf einmal anders machen? Da gibt es eine große Schwerfälligkeit in den Köpfen. Der ewige Tanz um den Maulbeerbaum, würde Virginia Woolf dazu sagen.

Oft wird auch so getan, als würde man zum Genderstern gezwungen werden, aber das ist ja nicht der Fall, es gibt aktuell keinerlei Regelwerk für geschlechtegerechtes Formulieren, sei es für den Stern, den Doppelpunkt, den Unterstrich oder all die anderen Formen.
Geschlechterdiskussionen sind immer irrational. Da schwingt die Angst vor Veränderungen mit. Aber nur, weil etwas anders ausgedrückt wird, heißt das nicht zwangsläufig, dass damit gleich die Kategorien Mann oder Frau verloren gehen. Die sind jahrtausendelang eingeübt, die gehen nicht so schnell verloren.

„Sie alle waren vorher sprachlich nicht existent“

Sie stehen oft im Fokus dieser Diskussion, Sie stehen für den Genderstern ein, was macht das Zeichen zeitgemäß?
Unsere Gesellschaft verändert sich. Es gibt heute zum Glück ein anderes Bewusstsein als früher. Männer bestimmen das öffentliche Leben nicht mehr alleine. Wir wissen inzwischen, dass es die verschiedensten Formen von Männlichkeit und Weiblichkeit auf den unterschiedlichsten Körpern geben kann, es gibt nicht-binäre Menschen, Transgender. Sie alle waren vorher sprachlich nicht existent, konnten leicht marginalisiert und diskriminiert werden. Da fehlten schlichtweg die Worte.

In Ihren eigenen Romanen setzen Sie das Zeichen aber nicht.
Romane brauchen den Genderstern nicht unbedingt. Der Stern ist ja vor allem dann dienlich, wenn ich Menschen als Gruppen beschreibe. Das kann ich im Roman jederzeit leicht umgehen. Beim Schreiben eines Romans interessiert mich die Verwendung von Pronomen viel mehr. Wie kann ich beispielsweise über eine Figur schreiben, die weder männlich, noch weiblich ist? Welches Personalpronomen verwende ich da? Wie löst man das elegant? Aber soweit ist die Diskussion noch gar nicht.

Wie divers finden Sie den Literaturbetrieb?
Um ein Vielfaches diverser als vor 20 Jahren, als ich angefangen habe zu veröffentlichen. Damals war der Betrieb extrem männlich geprägt. Wenn man sich heute die Verlagsprogramme und die Literaturhäuser anschaut, ist das Bild viel diverser. Bücher von Frauen werden viel öfter besprochen, es gibt queere Themen und eine Aufmerksamkeit für Autor*innen mit Migrationshintergrund. Ein erster Schritt ist getan.

Wie viel Luft ist noch nach oben?
Da ist noch sehr viel Luft. Wenn ich mir die Geschlechter- oder Familienbilder oder auch die Beziehungskonstellationen in der gegenwärtigen Literatur ansehe, herrschen die konventionellen Vorstellungen vor.

(Foto: Dietrich Kühne / Kroesing.de)