Yahya Alaous (Foto: privat)

Journalist Yahya Alaous: „Medien sollten über Syrer so berichten wie über Deutsche“

30. März 2022

Yahya Alaous ist vielen Leser:innen als syrischer Journalist von der Süddeutschen Zeitung bekannt. Im Jahr 2015 musste er vor dem Krieg in seiner Heimat fliehen. Kurze Zeit später begann der freie Autor in der SZ die Kolumne „Mein Leben in Deutschland“ zu schreiben. Nach sieben Jahren in Berlin blickt er heute auf die deutsche Medienbranche. „Wenn Medien nichts ändern, werden bald auch die syrischen Menschen ihre eigenen, arabischen Zeitungen lesen“, sagt er. „Es braucht ein realistisches Bild in der Berichterstattung.“

Herr Alaous, wie kam es eigentlich zu Ihrer Kolumne in der Süddeutschen?
Ich bin 2015 mit meiner Familie über die Organisation Reporter ohne Grenzen nach Berlin gekommen. Kurze Zeit später hat die Süddeutsche einen syrischen Journalisten gesucht und mich gefragt, ob ich eine Kolumne über meine Eindrücke in Deutschland schreiben würde. Ich habe einfach meine Gedanken über das neue Leben und meine Beobachtungen niedergeschrieben. Um ehrlich zu sein, habe ich die Süddeutsche Zeitung davor gar nicht gekannt. Erst später ist mir klar geworden, wie bedeutend sie ist. Nachdem die Kolumne erschienen war, gab es sehr viele positive Rückmeldungen. Die Menschen fanden den Kommentar so offen. Die Süddeutsche hat mich dann um einen regelmäßigen Beitrag gebeten. Aber nach sieben Jahren ist die Luft raus, das ist ganz normal, die Themen haben sich geändert. Die Kolumne wird bald nicht mehr weitergeführt werden, ich widme mich neuen Herausforderungen.

„Als Ausländer ist es schwierig, in deutschen Medien Fuß zu fassen“

Wie arbeiten Sie? Wie machen Sie das sprachlich? Ihre Kolumnen werden ja übersetzt, wenn ich das richtig gesehen habe. 
Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich natürlich kein Wort Deutsch gesprochen. Meine Sprachkenntnisse sind nicht gut genug, um auf Deutsch zu schreiben und der Google-Übersetzer ist auch nicht ausreichend. Ich verfasse meine Kommentare meist auf Englisch und sie werden übersetzt. Die Beiträge recherchiere ich auf eigene Faust. Als freier Autor schreibe ich für deutsche und arabische Medien, nicht nur für die Süddeutsche, auch für das Handelsblatt zum Beispiel. Als Ausländer ist es schwierig, in deutschen Medien Fuß zu fassen, auch weil die Medien selbst große Probleme und kein Geld haben. Meine Bekannte, die mir damals geholfen hatte nach Deutschland zu kommen, ist eine ausgezeichnete, deutsche Journalistin und sie hat keine Festanstellung. Für einen Ausländer ist es noch einmal schwieriger. Ich habe einen Job in der Flüchtlingshilfe gefunden. Aber Journalist bin ich immer, auch wenn ich etwas anderes arbeite. Ich werde bis zum Ende meines Lebens Journalist sein.

Als Journalist sind Sie eine von 800.000 syrischen Stimmen in Deutschland, die Gehör findet. Werden Syrer in deutschen Medien ausreichend repräsentiert?
Nein. Wissen Sie, wenn ich in Berlin durch Wedding gehe, gibt es überall türkischsprachige Zeitungen zu kaufen. An jeder Ecke sitzen türkischstämmige Menschen, die schon länger da sind und sie alle lesen ihre Zeitungen. Sie lesen keine deutsche Zeitung, jeden Tag kaufen sie die türkische. Das ist ganz normal. Wenn sich in den Medien nichts ändert, werden bald auch die syrischen Menschen da sitzen und ihre eigenen, arabischen Zeitungen lesen. Die Syrer sind jetzt schon lange hier, aber sie werden in den Zeitungen nicht repräsentiert. Medien müssen tiefer gehen, sie müssen mit Syrern sprechen.

„Medien müssen thematisch weiterziehen“

Scheitert es denn an der Sprache?
Die Sprache ist ein großes Problem. Sie ist bei vielen nicht gut genug. Aber es ist nicht nur die Sprache, es sind auch die Themen. Sieben Jahre nach der Flüchtlingskrise müssen die Medien thematisch weiterziehen. Die Medien berichten von den Menschen immer noch nur als Flüchtlinge oder sie berichten nur im Zusammenhang mit der Kriminalität von Flüchtlingen. Syrien ist eine Nation der Diversität. Es braucht ein realistisches Bild. Medien sollten über Syrer so berichten wie über Deutsche. Sie müssen über sie als Menschen berichten. 

Über welche Themen wird nicht berichtet?
Es gibt zum Beispiel zunehmend Scheidungen unter Syrern in Deutschland. Das ist ein großes Thema, aber niemand schaut hin, niemand erhebt Daten dazu, niemand recherchiert. Über das syrische Leben berichten deutsche Medien nur wenig. Es leben 800.000 Syrer in Deutschland und es werden mehr. Wie alle Leser, wollen auch sie angesprochen werden.

Welche Medien lesen Sie eigentlich? Deutsche oder arabische?  
Ich lese beides. Wenn ich mich über mein Zuhause informieren möchte, lese ich die lokalen arabischen Medien. Das können die deutschen Medien natürlich nicht abdecken. Generell werden deutsche Medien von Syrern wenig konsumiert. Es gibt auch die Deutsche Welle in arabischer Sprache, aber sie ist nicht professionell. Ich habe selbst eine Geschichte darüber geschrieben. Syrische Menschen sagen: Das lesen wir nicht. 

„Ich mache den nächsten Schritt“

Medien wollen mehr Diversität, jetzt wird es mit Ihnen in der Süddeutschen eine Stimme weniger. 
Ich mache den nächsten Schritt. Ich schreibe mit einem deutschen Freund ein Buch, das bald erscheint, ähnlich wie meine Kolumne. Das Buch heißt: „Kennen wir uns?“ 

Bevor Sie den nächsten Schritt machen, ein Blick zurück zum Anfang. In Ihrer ersten Kolumne 2015 schrieben Sie über Bio-Produkte im Supermarkt, tätowierte Berliner und knutschende Paare auf der Straße. Sie stellten sich damals väterlich vor Ihre Tochter, weil es Küsse in der syrischen Öffentlichkeit nicht gibt und sie das noch nie gesehen hatte. Wie gehen Sie heute damit um?
(Lacht) Ich war damals nicht vorbereitet. In Syrien sind Küsse auf der Straße nicht erlaubt. Meine Tochter machte plötzlich große Augen und ich habe mich instinktiv vor sie gestellt. Heute haben wir ganz andere Themen. Meine Töchter haben Freunde, die homosexuell sind. Eine Freundin meiner Tochter hat uns erzählt, dass sie lesbisch ist. Ich habe meine Tochter gefragt, was sie darüber denkt. Ihre Antwort war: „sie ist frei, sie kann tun, was immer sie will. Alle Entscheidungen sind zu respektieren.“ Meine Töchter gehören jetzt hierher. 

Und Sie?
Ich denke immer, das ist nicht mein echtes Leben. Mein Leben ist in Syrien. Ich weiß nicht, ob die Lage es eines Tages erlauben wird zurückzukehren, ich hoffe es. Ich fühle mich hier sicher, ich muss hier nicht um die Leben meiner Frau und meiner Kinder fürchten. Aber es vergeht eigentlich kein Tag, an dem ich nicht gerne zurück würde.

(Das Gespräch haben wir auf Deutsch und Englisch geführt, Teile wurden übersetzt. Foto: privat)