Margreth Lünenborg (Foto: Miriam Klingl)

Professorin Margreth Lünenborg: „Diversität zu ignorieren, ist international gnadenlos peinlich“

12. Juli 2022

Kommunikationswissenschaftlerin Margreth Lünenborg zitiert aktuellste Studien: Der durchschnittliche Journalist in Deutschland ist nach wie vor männlich, weiß und bewegt sich im Mittelschicht-Milieu. Seit den 90ern forscht die Professorin an der FU Berlin zu dem Thema Diversität in den Medien. „Journalismus kann es sich gar nicht mehr leisten, größere Teile der Bevölkerung aus dem Blick zu lassen“, erklärt sie. Zudem sei das auch international „gnadenlos peinlich“.

Frau Lünenborg, wie lange beschäftigen Sie sich schon mit dem Thema Diversität im Journalismus?
Das hat wohl in den 90ern angefangen. Da haben mich die Fragen beschäftigt, wie über Migration berichtet wird und wer über Migration berichtet. Deutlich früher hatte ich begonnen, mich mit Geschlechterverhältnissen im Journalismus zu beschäftigen.

Wie würden Sie den aktuellen Zustand von Diversität im Journalismus beschreiben?
Ich zitiere jetzt fast wörtlich aktuellste Studien: Der durchschnittliche Journalist in Deutschland ist männlich, weiß und bewegt sich im Mittelschicht-Milieu. Das sind nach wie vor die Mehrheitsverhältnisse. Das heißt nicht, dass sich seit den 70ern gar nichts verändert hat. Die ersten Studien zu Geschlechterverhältnissen sprachen noch von Frauen in einsamen Positionen in einem Männerberuf. Heute machen sie 30 bis 40 Prozent auf Redaktionsebene aus, allerdings deutlich weniger auf Leitungsebene. Mit Blick auf Menschen mit Migrationshintergrund bzw. mit Rassismuserfahrung, sind es nach wie vor nur 5 bis 10 Prozent. Das ist natürlich kein Abbild der Bevölkerung. In Deutschland leben mindestens 25 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund. Vor allem gibt es in Sachen Diversität eine extreme Lücke in Regional- und Lokalzeitungen. In Großstadtredaktionen spielt Diversität eher eine Rolle, in der Fläche ist man davon weit entfernt. Außerdem ist der Anteil von People of Color unter Freiberufler:innen höher. Je prekärer die Arbeitsverhältnisse, desto höher ist der Anteil von Journalist:innen aus marginalisierten Gruppen, die dort arbeiten.

Ist das nicht deprimierend? Seit Jahrzehnten stellen Studien mangelnde Vielfalt in Medien fest, seit Jahrzehnten kennen wir die Zahlen und in der Praxis sind wir 2022 einmal so weit, dass heute mehr Frauen auf Redaktionsebene vertreten sind als in den 70er Jahren.
Ich kann die Frustration nachvollziehen. Wir sehen, dass es sich um Machtressourcen handelt, die nicht gerne abgegeben werden. Wir sehen, wie behäbig und beharrlich sich Strukturen immer wieder reproduzieren. Das ist Homosozialität: Man sucht ähnliche Menschen, weil man mit denen ja am besten klarkommt und die produzieren dann wieder Ähnliches. Wir sehen auf der anderen Seite, dass Journalismus längst nicht mehr die Autorität ist, die uns sagt, was wichtig ist. Es gibt drumherum eine Vielzahl an Kanälen. Politiker:innen adressieren ihre Wählerschaft direkt. Migrantische Communities haben extrem erfolgreiche Podcasts etabliert, die von institutionalisiertem Journalismus aufgekauft werden. Auf Twitter und Instagram klopfen sie ihre Positionen fest. Der öffentliche Druck bewirkt Veränderung.

Was hat sich im Konkreten verändert?
Diversität ist nicht mehr „nice to have“, sondern ein „urgent must“. Das Bewusstsein ist in den Redaktionen, vor allem in den Öffentlich-Rechtlichen angekommen. Es gibt dort gezielte Nachwuchsprogramme. Im Fernsehen sorgen Nachrichtensprecher:innen für Sichtbarkeit. Die Wirkung davon ist nicht zu unterschätzen: Journalismus galt in migrantischen Communities jahrzehntelang als unerreichbar und jetzt spricht im Fernsehen jemand, der so aussieht und so tickt wie sie selbst. In betriebswirtschaftlichen Konzepten wird Diversity Management als optimale Nutzung von Humankapital betrachtet. Es gibt ein Bewusstsein dafür, dass es nicht mehr geht, Chefetagen allein weiß und männlich zu besetzen.

Mit welchen Konsequenzen?
Der Journalismus muss sich legitimieren, mit Blick auf eine Gesellschaft, die komplexer und vielschichtiger geworden ist. Bei jungen Leuten sind journalistische Marken manchmal gar nicht mehr bekannt. Den Redaktionen werden nicht mehr die Türen eingerannt von den besten Leuten. Die Zeiten sind vorbei. Medien haben mit der Frage zu tun, wie sie ein Publikum erreichen, das viel diverser geworden ist, und wo sie unglaublich viele Menschen verlieren, wenn sie migrantische Communities nicht erreichen.

Nach außen sagen alle, dass sie eh mehr Vielfalt wollen, beteuern aber keine Leute zu finden oder ohnehin kaum Kapazitäten zu haben.
Der Journalismus kann es sich gar nicht mehr leisten, größere Teile der Bevölkerung aus dem Blick zu lassen. Es ist ja kein Geheimnis, dass er in seinen etablierten Ausspielformen deutlich an Nutzer:innen verliert. Diversität zu ignorieren, ist auch international gnadenlos peinlich. Wir haben erlebt, wie das Haus Axel Springer mit seinen sexistischen internen Politiken dann gehandelt hat, als der amerikanische Investor aufgrund des öffentlichen Drucks interveniert hat.

„Die BBC ist aktuell sicherlich das beste Vorbild“

Gibt es Konzepte für mehr Vielfalt, die aus wissenschaftlicher Sicht funktionieren?
Die BBC ist aktuell sicherlich das beste Vorbild mit ihrer 50:50-Policy für den Frauenanteil in der Berichterstattung. Sie betreibt da ein hartes Monitoring, das algorithmisch gestützt stattfindet. Für andere Diversitätskategorien ist so ein Monitoring komplexer, aber durchaus möglich und dringend geboten. Grundsätzlich gibt es die Personalpolitik und die Programmpolitik. Für beides braucht es eine klare Policy und kontinuierliches Monitoring. Es braucht klare Zielvorgaben: Wie soll unsere Redaktion aussehen? Wie soll die Seite 1 aussehen? Auf inhaltlicher Ebene gibt es Tools wie Datenbanken für Expert:innen, damit nicht immer der Gleiche angerufen wird, dessen Telefonnummer man hat. Ein breites Spektrum an Expert:innen muss die Redaktion eben als ein Gütekriterium festlegen. Wenn von den Zielen abgewichen wird, muss es Konsequenzen geben. 

Nun haben wir darüber geredet, was für den Journalismus zu tun ist. Was bleibt für die Wissenschaft zu tun?
Gerade beschäftigen wir uns mit Emotionen in der Berichterstattung über Migration. Es geht darum, wie Journalismus, der von sich die Neutralität, Objektivität und Distanziertheit zum Ideal erklärt hat, zugleich bestimmte Emotionen zentral setzt. Welche affektiven Dissonanzen werden da mobilisiert? Die Flüchtlinge aus der Ukraine werden uns als ähnlich dargestellt, weil Zitat: „Die gucken auch Netflix“. Das machen die Flüchtlinge aus Syrien zwar auch, die wurden uns aber als nicht integrierbar dargestellt, als Bedrohung, als Flüchtlingswelle, die uns überschwemmt. Für die Ukrainer wurde sofort das Arbeitsrecht verändert. Medienberichterstattung hat Auswirkungen auf das politische Handeln. Darauf müssen wir einen kritischen Blick haben und ihn auch Studierenden mitgeben. Es ist unser Job, nicht euphorisch zu werden, wenn jetzt zwei Nachrichtensprecher:innen nicht den urdeutschen Nachnamen haben, sondern auf strukturelle Veränderungen zu insistieren.

(Foto: Miriam Klingl)