Anna-Beeke Gretemeier (Foto: Guido Rottmann)

Stern-Chefin Anna-Beeke Gretemeier: „Diversität muss Chef:innensache werden“

30. März 2022

Medien, die sich als gesellschaftsrelevant bezeichnen, müssen die Gesellschaft auch abbilden: Die Chefredaktion des Stern sagt das nicht nur, sie lässt Taten sprechen. In ihrem Editorial auf Seite 3 des Magazins und auf stern.de, wünschte sich Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier vor eineinhalb Jahren mehr Vielfalt für das Blatt. Wie das Bekenntnis zu Diversität die Redaktion verändert hat und warum sich Diversity für den Stern auszahlt, verrät sie im Interview.

Frau Gretemeier, Sie haben in Ihrem Editorial im Stern an Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen appelliert, sich bei Ihnen zu bewerben. Was hatte Sie zu dem Aufruf bewegt? 
Wir hatten zu dem Zeitpunkt ein Dutzend Stellenausschreibungen draußen und beworben haben sich nur weiße Hochschulabsolvent:innen von Journalistenschulen. Es waren immer die gleichen Lebensläufe. Da habe ich mich gefragt, was wir denn falsch machen. Ich habe mich mit Kollegen wie den Neuen Deutschen Medienmacher:innen ausgetauscht und das Fazit war: Es liegt vor allen Dingen an uns! Es liegt an unserem journalistischen Produkt, das nicht attraktiv für Menschen ist, die anders sozialisiert sind. Das galt es erst einmal zu verdauen, aber daraus folgte auch die Erkenntnis: Da es nur an uns liegt, können nur wir etwas ändern. Also habe ich das Editorial geschrieben. Ich habe gesagt, dass es bei uns nicht gut läuft und dass wir etwas verändern wollen. Medien, die sich als gesellschaftsrelevant bezeichnen, müssen die Gesellschaft auch abbilden – in ihren Produkten und ihrer Mannschaft.

„Andere Bewerber:innen als sonst“

Und was hat der Aufruf bewegt? Mir fallen wenige Leitmedien ein, die überhaupt so klar sagen, dass sie Vielfalt wollen. In der Medienbranche fehlt zumeist ein ernsthaftes Bekenntnis zu Diversität. Ist Ihre Redaktion durch den Aufruf diverser geworden? 
Direkt nach dem Editorial fühlten sich tatsächlich andere Bewerber:innen als sonst berufen. Wir hatten eine ganz andere Auswahl und konnten so viel diverser besetzen. Bei uns arbeiten jetzt Menschen mit Schwerbehinderungen, etwa zwei Handvoll Kolleg:innen der LGBTQ-Community und mehr als ein Dutzend mit Migrationshintergrund. Aber wir sind noch lange nicht am Ziel. Männer und Frauen waren schon davor gut verteilt, die Hälfte unseres Teams ist männlich, die Hälfte weiblich. Und wir achten in den Führungsebenen auf eine faire Verteilung von Frauen und Männern. 

Haben Sie eigentlich die Stellenausschreibungen geändert, nachdem sich nur Menschen mit gleichen Lebensläufen beworben hatten?
Wir haben mit der Personalabteilung die Stellenausschreibungen als Teil des Problems identifiziert. Ein abgeschlossenes Volontariat oder eine Journalistenschule zu fordern, entspricht nicht vielen Lebenskonzepten. Jetzt setzen wir mehr auf Formulierungen, die stärker die bisherige Erfahrung betonen. Wir schreiben Sätze wie: „Auch Quereinsteiger sind willkommen.“ Oder: „Wir freuen uns über Bewerbungen von Menschen, die zur Vielfalt unseres Unternehmens beitragen.” Ich würde bei jeder Neueinstellung raten, Diversity mitzudenken. Wenn da niemand sitzt, der widerspricht oder eine andere Idee hat als du selbst, entgeht dir etwas. Wir haben so ganz andere Geschichten im Heft und auf unseren digitalen Kanälen.

„Wir sagen klar, dass wir auch diverse Themen wollen“

Oft werden Geschichten ja nicht diverser, nur weil das Personal diverser wird. Ihnen gelingt Diversität auf beiden Ebenen?
Wir sagen klar, dass wir nicht nur diverses Personal, sondern auch diverse Themen wollen. Die Menschen, die wir zitieren, die Protagonisten, die wir abbilden, die Fotos, die wir auswählen: das ist die Macht einer Journalistin und eines Journalisten. Als ich und mein Co-Chefredakteur Florian Gless angefangen haben, waren viele der Experten im Blatt ältere, weiße Männer. Dafür gab es eine banale Erklärung: Mit denen sprechen wir halt seit Jahren, die sind für uns erreichbar. Das ist nachvollziehbar, aber das Netzwerk muss eben verändert werden. Frauen als Expertinnen für unsere Geschichten zu fordern, war einer unserer ersten Erneuerungsschritte. Ein weiterer Schritt war das Achten auf Hautfarben. Wir achten auch darauf, dass wir einen Menschen im Rollstuhl beispielsweise in Geschichten abbilden, wo der Rollstuhl überhaupt kein Thema ist. Eigentlich ist es ganz banal. 

Trotzdem schaffen nur wenige Medien Diversität.
Ich bin der festen Überzeugung, dass man Diversität zur Chef:innensache machen muss. Wenn man der eigenen Bildredaktion beispielsweise den Auftrag gibt, ein Konzept für Diversität zu entwickeln, dann wird das umgesetzt. Wenn man das Thema der Freiwilligkeit und dem Zufall überlässt, wird oft der bequeme, bekannte Weg gegangen und keine Priorität drauf gelegt.  

„Vielfalt ist geschäftsrelevant. Der Stern ist besser geworden.“

Für einige Chefs ist Diversität interessant, weil Studien belegen, dass vielfältige Teams wirtschaftlich erfolgreicher sind. Bestätigen sich die Studien für den Stern? Verkauft sich Diversität in den Medien? 
Wir sind wieder ein wachsendes Unternehmen, seitdem wir uns auf den Weg der Transformation unserer Marke begeben haben, zu der auch die Diversität gehört. Das war vor drei Jahren, als wir begonnen haben, anders. Vielfalt ist geschäftsrelevant. Wir haben neue Zielgruppen erschließen können. Innerhalb eines heterogenen Teams entstehen auch ganz neue Ideen für Aktionen, für Geschäftsmodelle, für Nischen, für Produkte. Diversität hat sich für uns komplett ausgezahlt. Der Stern ist besser geworden. Viele Medien sind bei Diversität rückständig und das kann einfach nicht sein. Wir sind die Instanz, welche die Gesellschaft informiert. Es muss doch in unserem Interesse liegen, ein authentisches Bild abzubilden.

Haben Sie auch negative Erfahrungen gemacht?
Wir sehen, dass Vielfalt, Gleichberechtigung, Geschlechterrollen oder Gendern viele Leser:innen auch überfordern können. Ihrer Meinung nach gibt es wichtigere Probleme. Wir müssen da einfach in den Dialog gehen. Weite Teile der Gesellschaft und auch unserer Leserschaft haben die Wichtigkeit dieses Themas noch nicht anerkannt – und wir als Medien wollen und können hier durchaus dazu beitragen, etwas zu bewegen. Aber wir dürfen dabei unseren Kund:innen nicht vor den Kopf stoßen. Das ist herausfordernd. Für alle. 

„Nicht nur reden, Taten sprechen lassen!“

Sie sind in Sachen Diverstität nun vorangegangen, welche Schritte wollen Sie im Stern noch setzen?
Ich denke, es ist wichtig nicht nur zu reden, sondern Taten sprechen zu lassen. Unser nächstes größeres Projekt ist die Bebilderung. Unsere eigenen Fotografen bringen inzwischen andere Bilder nach Hause. Die Fotoagenturen haben wir da noch nicht flächendeckend, sie liefern zu schematisch: beispielsweise nur Fotos von weißen Polizisten oder nur von Nazi-Demonstranten in der Nahaufnahme, obwohl bei dem Protest auch andere Gruppierungen waren. Wir sagen den Agenturen dann, dass wir uns etwas anderes wünschen. Je mehr Medien mitmachen, desto stärker können wir durch unsere Nachfrage das Angebot verändern. Wir machen aber auch Dinge, die wir noch nie vorher gemacht haben. Gerade haben wir das Buch „Märchenland für alle“ herausgebracht, das in Ungarn öffentlich geschreddert wurde. Es ist nämlich wichtig, sich von Kindesbeinen an mit diversen Rollen identifizieren zu können, ohne Wertung. Natürlich gibt es einen schwulen Prinzen. Es gibt eine Prinzessin, die keinen Bock hat, Prinzessin zu sein und zu heiraten oder ein Bambi, das als Mädchen auf die Welt kommt, sich aber als Junge identifiziert.

Und was bleibt für die Medienbranche zu tun?
Es würde unser Land weiterbringen, wenn die Entscheider:innen dieses Landes die Gesellschaft so repräsentieren, wie sie ist. Ich bin überzeugt, dass viele Themen seit Jahren nicht gelöst werden, weil wir an diesen Positionen noch nicht divers genug sind.

(Foto: Guido Rottmann)